Iran-Konflikt und Straße von Hormus: Folgen für KMU und wattline-Mitglieder

Kurz und knapp
Die Lage ist wieder eskaliert. US-Präsident Trump hat die Friedensvereinbarung mit dem Iran aufgekündigt und die Sanktionen gegen die iranische Ölindustrie erneut in Kraft gesetzt. Beide Seiten fliegen wieder gegenseitige Angriffe, eine diplomatische Lösung ist vorerst in weite Ferne gerückt.
Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus ist stark eingebrochen. Die iranischen Revolutionsgarden wollen die Meerenge bis zum Ende der US-Interventionen gesperrt halten.
Die Preise sprangen deutlich nach oben: Das Gas-Frontjahr 2027 stieg auf rund 39 EUR/MWh, Strom CAL 2027 auf über 97 EUR/MWh, Brent auf rund 78 USD/bbl. Treiber war diese Woche klar die wieder eskalierte Lage am Golf.
KMU können sich nicht entspannen. Die Preise liegen wieder klar über dem Vorkrisenniveau, und das Frontjahr 2027 bleibt der sensibelste Punkt der gesamten Preiskurve.
wattline hat zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 Tausende Erdgasverträge für seine Mitglieder abgeschlossen, zu Konditionen, die auch nach den Marktbewegungen der letzten Wochen unterhalb der heute am Markt verfügbaren Preise liegen.
Der Energiemarkt ist ein äußerst sensibles System. Er reagiert auf Wetter, Speicherstände, Wirtschaft und auf geopolitische Ereignisse mit einer Intensität, die zeigt wie stark Europa inzwischen von globalen Entwicklungen abhängig ist.
Seit Sommer 2025 erleben wir eine Eskalationsspirale im Nahen Osten, deren Folgen weiterhin in Deutschland spürbar sind. Wir bewerten die Situation in diesem Beitrag bewusst aus Sicht des Energiemarkts. Welche Tatsachen bewegen die Preise, und was bedeutet das für die Beschaffung in KMU?
Aktuelle Lage rund um die Straße von Hormus
Die Lage hat sich militärisch deutlich verschärft:
US-Präsident Trump hat am 8. Juli auf dem NATO-Gipfel in Ankara die Friedensvereinbarung mit dem Iran faktisch aufgekündigt und die Sanktionen gegen die iranische Ölindustrie wieder in Kraft gesetzt.
Auslöser waren erneut aufgenommene gegenseitige Angriffe, nachdem der Iran Handelsschiffe in der Straße von Hormus attackiert hatte. In der Folge flogen die USA weitere Angriffswellen auf strategische Ziele im Iran, worauf Teheran mit Raketenangriffen auf US-Stützpunkte reagierte.
Mit den wieder in Kraft gesetzten Sanktionen ist die zuvor gewährte Ölausnahme für den Iran hinfällig. Zusätzliche Fördermengen anderer Produzenten können den Wegfall bislang kaum ausgleichen, solange die Passage durch die Meerenge gestört bleibt.
Der Schiffsverkehr durch die Meerenge ist laut dem Analysedienst Kpler auf den niedrigsten Stand seit Wochen gefallen. Das US-Militär betont zwar, die Schifffahrt sei weiterhin möglich, doch die anhaltenden Spannungen erhöhen die Unsicherheit an den globalen Energiemärkten spürbar.
Die wichtigsten Eckpunkte:
Laut Bloomberg will QatarEnergy die Produktion nach der Wiedereröffnung schneller hochfahren als erwartet: Innerhalb eines Monats sollen rund 50 %, nach zwei Monaten etwa 80 % der Exportkapazitäten wieder verfügbar sein.
Die US-Rohölbestände sind laut EIA die zehnte Woche in Folge gesunken, zuletzt um 3,8 Mio. Barrel und damit stärker als erwartet, was auf einen weiterhin angespannten Ölmarkt hindeutet.
Die G7-Staaten einigten sich auf weitere Maßnahmen gegen russische Öl- und Gasexporte sowie die russische Schattenflotte.
Die OPEC+ hat eine weitere Erhöhung der Fördermenge um 188.000 Barrel pro Tag beschlossen. Ihre Wirkung bleibt angesichts der gestörten Passage durch die Straße von Hormus bislang jedoch weitgehend aus.
Der Bundestag hat das Kraftwerksgesetz verabschiedet. Nach Zustimmung des Bundesrats können die Ausschreibungen für den Bau neuer Gaskraftwerke starten.
Die für den 17. Juli angekündigten Änderungen am EU-Emissionshandel könnten weitreichender ausfallen als erwartet: Der Handel soll flexibler werden, zugleich sollen höhere nationale ETS-Einnahmen gezielt in die Industrie fließen, um die CO2-Kosten zu begrenzen. Bis zur Veröffentlichung bleibt der Markt volatil.
Was den Energiemarkt jetzt bewegt
Aus Sicht des Energiemarkts ist nicht entscheidend, wer politisch im Recht ist, sondern wie viele Tanker tatsächlich passieren. Und genau hier ist der Druck zurückgekehrt: Mit der erneuten Eskalation und dem stockenden Schiffsverkehr stammt der Preisanstieg diesmal klar aus der Geopolitik. Die Krisenprämie ist wieder deutlich im Markt eingepreist.
Wie reagieren die Energiemärkte auf die neusten Ereignisse?
Die Energiemärkte reagierten mit deutlichen Aufschlägen. Das Gas-Frontjahr am THE kletterte im Wochenverlauf von 36,58 auf 39,24 EUR/MWh, ein Plus von 7,3 Prozent. Der Strommarkt folgte dem festeren Gas und legte ebenfalls kräftig zu. Anders als in den Vorwochen zog diesmal auch der Ölmarkt an: Brent stieg um rund 5,6 Prozent.
Gasmarkt
Gas-Winterkontrakt 2026/27: 48,87 EUR/MWh (+8,9 % im Vergleich zur Vorwoche, +12,4 % über 20 Handelstage)
Gas Frontjahr 2027: 39,24 EUR/MWh (+7,3 % im Vergleich zur Vorwoche, +7,4 % über 20 Handelstage)
Gas Frontjahr 2028: 29,37 EUR/MWh (+2,1 % im Vergleich zur Vorwoche, +1,4 % über 20 Handelstage)
Strommarkt
Strom Base CAL 2027: 97,36 EUR/MWh (+3,3 % im Vergleich zur Vorwoche, +5,1 % über 20 Handelstage)
Strom Base CAL 2028: 82,40 EUR/MWh (+0,8 % im Vergleich zur Vorwoche, +2,7 % über 20 Handelstage)
Strom Base CAL 2029: 75,49 EUR/MWh (–0,2 % im Vergleich zur Vorwoche, +1,5 % über 20 Handelstage)
Ölmarkt
Brent Frontmonat: 78,38 USD/bbl (+5,6 % im Vergleich zur Vorwoche, –8,6 % über 20 Handelstage)
Auffällig bleibt die Differenzierung über die Kurve: Am kräftigsten legte der Winterkontrakt 2026/27 zu, unter den Lieferjahren reagierte 2027 am stärksten, während sich die hinteren Jahre kaum bewegten.
(Stand: 13. Juli 2026, Quelle: wattline Marktbericht KW 29/2026; Börsennotierungen: EEX Power Futures, EEX Physical Gas Derivatives (ehem. PEGAS), ICE Brent Crude Futures)
Was bedeutet das für KMU?
Kleine und mittlere Unternehmen trifft eine angespannte Marktlage besonders hart. Während Großkonzerne Kostenschocks über Rücklagen oder Absicherungsstrategien abfedern können, schlägt jede Preisbewegung bei Energie direkt auf die Marge.
Die Kursbewegungen der letzten Wochen zeigen, wie schnell die Stimmung kippen kann, in beide Richtungen. Diese Woche zogen mit der erneuten Eskalation Gas, Strom und Öl erstmals seit Längerem wieder gemeinsam an.
Die Notierungen liegen weiterhin deutlich über dem Vorkrisenniveau, und die strukturellen Schäden an der Ras-Laffan-Anlage in Katar wirken langfristig. Hinzu kommt: Der anhaltende Konflikt hält die Inflation in der Eurozone bei rund drei Prozent und damit deutlich über dem Notenbank-Ziel. Solange die Energiepreise erhöht bleiben und die Produktionskosten steigen, bleibt der Inflationsdruck ein Risiko für die kommenden Monate.
Gerade jetzt ist eine professionelle und vorausschauende Energiebeschaffungsstrategie, z. B. innerhalb einer Energie-Einkaufsgemeinschaft, für KMU keine Option, sondern eine Notwendigkeit.
Warum die Preise zuvor so stark gestiegen waren
Haupttreiber des Preisanstiegs waren die Sperrung der Straße von Hormus am 28. Februar sowie die Raketenangriffe vom 18./19. März auf die Ras Laffan-Industrieanlage in Katar. Rund 17 % der katarischen LNG-Exportkapazität fallen damit voraussichtlich für drei bis fünf Jahre aus. Das erwartete Angebotswachstum am globalen LNG-Markt verschiebt sich deutlich nach hinten.
Der Angriff wirkte sich unmittelbar auf die TTF-Gas-Frontjahre aus: 2027 stieg allein dadurch um 18 %, die Frontjahre 2028 und 2029 um 16 bzw. 6 %. Der europäische Gaspreis hatte sich seit Beginn des Konflikts nahezu verdoppelt und erreichte im März mit über 59 EUR/MWh den höchsten Stand seit über drei Jahren.
Seitdem schwankt der Markt im Takt der politischen Signale: Korrektur auf die Memorandum-Hoffnung, Gegenbewegung nach Trumps Zurückweisung, erneuter Rückgang mit den Annäherungssignalen seit Pfingsten und den jüngsten Entspannungsschritten.
Zusätzliche Risikofaktoren bleiben bestehen
Auch jenseits des Iran-Konflikts belasten weitere Faktoren die Energiemärkte:
El Niño: Die WMO schätzt die Wahrscheinlichkeit eines El-Niño-Ereignisses für den Zeitraum Juni bis August 2026 auf 80 %, bis November auf rund 90 %. Erwartet wird mindestens ein moderates, möglicherweise starkes Ereignis. Steigende Temperaturen in Asien bedeuten höhere Energienachfrage, vor allem für Kühlung, und damit zusätzlichen Wettbewerb um LNG-Mengen.
Die anhaltende Hitzewelle in Europa erhöht die Stromnachfrage für Kühlung. Zugleich drohen Einschränkungen der Kraftwerke wegen hoher Kühlwassertemperaturen – besonders in Frankreich.
Australien beschränkt LNG-Exporte ab Juli 2027: Exporteure müssen dann 20 % ihrer Mengen für den heimischen Markt reservieren. Als drittgrößter LNG-Exporteur weltweit dürfte Australien das globale Angebot damit spürbar verknappen – ein zusätzlicher mittelfristiger Belastungsfaktor für den europäischen Gaspreis.
Chinas LNG-Importe steigen wieder: Die Importe sind im Mai auf 4,9 Mio. Tonnen gestiegen und haben damit den monatelangen Abwärtstrend beendet. Die wieder anziehende Nachfrage aus Asien dürfte den Wettbewerb um LNG-Lieferungen verschärfen.
Positiv: Am Golden-Pass-Terminal in Texas wurde erstmals LNG produziert. Die Anlage soll künftig bis zu 18 Millionen Tonnen LNG pro Jahr liefern. Zudem plant Deutschland laut Energieministerin Reiche über das staatliche Unternehmen Sefe langfristige LNG-Lieferverträge mit einem Volumen von 20 bis 40 Milliarden Kubikmetern für den Zeitraum 2027 bis 2036. Parallel wird der Aufbau einer strategischen Gasreserve von 24 TWh vorbereitet, mit Investitionen zwischen 500 Mio. und 1,5 Mrd. Euro.
Welche Rolle spielt die Straße von Hormus im weltweiten Erdgas- und Erdölhandel?
Kurz gesagt: Die Straße von Hormus ist eine der weltweit wichtigsten Meerengen. Sie fungiert als Nadelöhr für den Transport von Rohöl und Flüssigerdgas (LNG) aus dem Persischen Golf, da sie den einzigen direkten Seeweg aus dieser Region in den offenen Ozean darstellt.
Hier die zentralen Fakten:
Etwa 20 % des weltweiten Erdölhandels
Täglich werden etwa 17 bis über 20 Millionen Barrel Rohöl, Kondensate und Ölprodukte durch die Meerenge transportiert. Das entspricht ungefähr einem Fünftel bis einem Viertel des weltweiten Seehandels mit Erdöl.Knapp 25 % des weltweiten Erdgashandels
Etwa ein Viertel des global gehandelten Flüssigerdgases passiert diese Route, vor allem Lieferungen aus Katar, einem der weltweit wichtigsten LNG-Exporteure.Abhängigkeit vieler asiatischer Länder
Mehr als 80 % der Ölexporte aus dem Persischen Golf gehen nach Asien vor allem nach China, Indien, Japan und Südkorea. Diese Länder sind auf stabile Transportwege durch die Meerenge angewiesen.
Abhängigkeit der Exporteure
Ländern wie dem Irak, Kuwait, Katar und dem Iran stehen praktisch keine nennenswerten alternativen Exportrouten zur Verfügung. Nicht einmal Saudi-Arabien und die VAE können mehr als einen Teil ihrer Produktion über Pipelines am Landweg an der Meerenge vorbeileiten.
Welche Folgen hat die Sperrung der Meerenge für Deutschland?
Obwohl Deutschland nicht direkt von Lieferungen aus der Golfregion abhängig ist, hat die eingeschränkte Passage durch die Straße von Hormus spürbare wirtschaftliche Folgen für die Bundesrepublik.
Die physische Versorgung beim Erdgas wird primär über Pipelines aus Norwegen (44 %) und den Niederlanden (24 %) sowie über LNG-Importe aus den USA (59 % der LNG-Mengen) gedeckt. Auch beim Erdöl ist die Bezugsstruktur breit gestreut. Indirekt wirkt sich die Lage trotzdem aus:
Da Öl und Gas auf einem global integrierten Markt gehandelt werden, konkurrieren deutsche Abnehmer mit asiatischen Käufern, vor allem aus China und Indien, um die verbleibenden Mengen. Das treibt die Preise an TTF und THE.
Der nächste Winter könnte zum Problem werden:
Laut Bundesnetzagentur liegt der Füllstand der deutschen Gasspeicher bei 43,9 % (Stand: 11.07.2026), weiterhin rund 10,5 Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert von 54,4 %. Laut INES-Berechnungen wäre ein Füllstand von bis zu 76 % bis zum 1. November technisch möglich – genug für einen durchschnittlichen, nicht aber für einen außergewöhnlich kalten Winter. Da die aktuellen Preise kaum Anreize bieten, ist offen, ob dieses Niveau erreicht wird.
Eine nachhaltige Entspannung an der Straße von Hormus könnte hier Druck nehmen, sofern die Gaspreise wieder auf ein niedrigeres Niveau zurückkehren. Mit der erneuten Eskalation sind sie zuletzt allerdings deutlich gestiegen, was eine ausreichende Befüllung zusätzlich erschwert.
Ein Blick auf die wirtschaftliche Lage:
Der ZEW-Konjunkturindex ist seit Januar 2026 von 59,6 Punkten eingebrochen, liegt jedoch im Juni 2026 wieder im positiven Bereich bei +10,5 Punkten (Mai: -10,2). Das deutet auf eine vorsichtige Erholung der Stimmung hin. Trotzdem bleiben steigende Energiekosten ein Risikofaktor für energieintensive Betriebe.
Gibt es Länder, die von der Sperrung der Straße von Hormus profitieren?
Direkte Gewinner der aktuellen Krise sind Akteure, die Energie außerhalb der Golfregion fördern oder alternative Transportwege besitzen.
Dazu zählen beispielsweise Ölproduzenten wie die USA, Brasilien oder Norwegen. Sie sind weniger abhängig vom Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus und können bei Lieferengpässen schneller einspringen.
Auch Russland zählt zu den Profiteuren, da ein Teil seiner Exporte über Pipelines und Routen abseits der Meerenge läuft.
Mit der erneuten Eskalation sind zuletzt auch die Ölpreise wieder gestiegen. Da der Schiffsverkehr durch Hormus deutlich zurückgegangen ist, rückt die Meerenge als Preistreiber wieder klar ins Zentrum – der Vorteil alternativer Produzenten gewinnt damit erneut an Bedeutung.
wattline hat frühzeitig neue Lieferverträge abgeschlossen
Die vergangenen Monate waren von zunehmender geopolitischer Unsicherheit und steigenden Risikoprämien an den Energiemärkten geprägt. Bereits im Dezember 2025 deutete sich an, dass mehrere internationale Spannungsfelder das Preisniveau im Gasmarkt weiter beeinflussen könnten.
Vor diesem Hintergrund hat wattline im Rahmen der Einkaufsgemeinschaft fix zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 für Tausende Mitglieder langfristige Erdgasverträge abgeschlossen. Die Grundlage bildete keine kurzfristige Spekulation, sondern eine strukturierte Marktanalyse sowie eine klare Abwägung der potenziellen Preisentwicklung:
Das Risiko nach oben war deutlich größer als die marginale Chance nach unten.
Während andere Marktteilnehmer die unsicheren Phasen abwarteten, organisierten wir bereits den Abschluss neuer Lieferverträge. Unser Ziel war es: Risiken frühzeitig zu begrenzen, Unternehmen vor starken Preissprüngen zu schützen und wettbewerbsfähige Preise mit maximaler Planungssicherheit zu sichern.
Die Marktbewegungen der letzten Wochen bestätigen diese Strategie. Trotz zwischenzeitlicher Korrekturen auf Verhandlungshoffnungen liegen die heute am Markt gehandelten Konditionen weiterhin oberhalb der für die Mitglieder gesicherten Preise.
Bildquellen: Foto von Daniel Schuh auf Unsplash

