Iran-Konflikt und Straße von Hormus: Folgen für KMU und wattline-Mitglieder

Philip Gutschke
Bereichsleiter Energie­beschaffung

zuletzt aktualisiert: 14.04.2026

LNG-Tanker

Kurz und knapp

  • Seit Sommer 2025 belastet der Konflikt zwischen Israel, den USA und dem Iran die globalen Energiemärkte. Die Lage hat sich seither in mehreren Schüben zugespitzt.

  • Die zweiwöchige Waffenruhe vom 7. April ist faktisch gescheitert. Die Folgegespräche in Islamabad am 10. April endeten ohne Einigung. Daraufhin haben die USA eine eigene Seeblockade iranischer Häfen verhängt. Die Passage durch die Straße von Hormus bleibt damit massiv eingeschränkt.

  • Die Energiemärkte haben die neue Eskalation in dieser Woche aktiv eingepreist. Nach dem Rückgang der Vorwoche bauen die Marktteilnehmer ihre Risikoprämien erneut auf.

  • Für KMU bleibt die Lage angespannt. Die Preise liegen weiterhin deutlich über dem Vorkrisenniveau, das Frontjahr 2027 trägt die höchste Risikoprämie. Eine erneute Eskalation würde die nächste Preisspirale auslösen.

  • wattline hat zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 Tausende Erdgasverträge für seine Mitglieder abgeschlossen, zu Konditionen, die auch nach den Marktbewegungen der letzten Wochen unterhalb der heute am Markt verfügbaren Preise liegen.

Der Energiemarkt ist ein äußerst sensibles System. Er reagiert auf Wetter, Speicherstände, Wirtschaft und auf geopolitische Ereignisse mit einer Intensität, die zeigt wie stark Europa inzwischen von globalen Entwicklungen abhängig ist.

Seit Sommer 2025 erleben wir eine Eskalationsspirale im Nahen Osten, deren Folgen weiterhin in Deutschland spürbar sind. Wir bewerten die Situation in diesem Beitrag bewusst aus Sicht des Energiemarkts. Welche Tatsachen bewegen die Preise, und was bedeutet das für die Beschaffung in KMU?

Eskalation, Blockade und der aktuelle Status der Meerenge

Die zweiwöchige Waffenruhe vom 07. April, vermittelt durch Pakistan, ist nicht in ein Abkommen übergegangen. Die Folgegespräche in Islamabad endeten ohne Einigung. Strittig blieben unter anderem das Sanktionsregime, Reparationsforderungen und der Umgang mit dem Atomprogramm.

Am 12. April kündigte US-Präsident Trump eine eigene Seeblockade iranischer Häfen an. Das US-Militär kontrolliert seither den Schiffsverkehr in und aus iranischen Häfen und droht jedem Schiff, das eine iranische Durchfahrtsgebühr durch die Straße von Hormus entrichtet hat, mit Aufbringung in internationalen Gewässern.

Die wichtigsten Eckpunkte:

  • Die Straße von Hormus ist nicht regulär passierbar. Der zivile Schiffsverkehr läuft mit massiven Einschränkungen, viele Reedereien meiden die Route oder fordern erhöhte Kriegsrisikoprämien.

  • Iran und die USA üben parallel Kontrolle aus: Iran hatte sich nach dem 8. April das Recht eingeräumt, Durchfahrten zu koordinieren und Gebühren zu erheben. Die USA sehen ihrerseits jedes Schiff, das diese Gebühren entrichtet, als legitimes Ziel ihrer Blockade.

  • Im UN-Sicherheitsrat blockieren Russland und China eine Resolution zur Schifffahrtssicherheit. Rund 40 Staaten beraten parallel über ein gemeinsames Vorgehen – ohne US-Beteiligung.

  • Eine kurzfristige Entspannung ist nicht in Sicht. Beide Seiten haben sich in einer Position positioniert, aus der ein Rückzug ohne Gesichtsverlust schwierig ist.

Was den Energiemarkt jetzt bewegt

Aus Sicht des Energiemarkts ist nicht entscheidend, wer politisch im Recht ist, sondern wie viele Tanker tatsächlich passieren. Solange die Passage faktisch eingeschränkt bleibt, ob durch iranische Auflagen oder durch die US-Blockade, bleibt die Risikoprämie im Markt. Genau das beobachten wir in den aktuellen Notierungen.

Wie reagieren die Energiemärkte auf die neusten Ereignisse?

Die Vorwoche brachte einen kräftigen Rückgang über alle Energieträger als Reaktion auf die kurzzeitige Waffenruhe. Mit den gescheiterten Verhandlungen in Islamabad und der Blockade-Ankündigung der USA hat sich das Bild in der laufenden Woche gedreht: Die Notierungen ziehen wieder an, die Risikoprämie wird neu aufgebaut.

Gasmarkt

  • Gas Frontjahr 2027: rund 40 EUR/MWh (+12 % zur Vorwoche)

  • Gas Frontjahr 2028: rund 29 EUR/MWh (leicht gestiegen)

  • Gas Winterkontrakt 2026/27: rund 45 EUR/MWh (leicht gestiegen)

Strommarkt

  • Strom Base CAL 2027: rund 92 EUR/MWh (+ 3 % zur Vorwoche)

  • Strom Base CAL 2028: rund 78 EUR/MWh (leicht gestiegen)

  • Strom Base CAL 2029: rund 74 EUR/MWh (weitgehend unverändert)

Ölmarkt

  • Brent Frontmonat: rund 103 USD/bbl
    (nach dem Rückgang der Vorwoche leicht steigend)

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Auffällig in dieser Woche ist die Differenzierung über die Kurve: Das Frontjahr 2027 zieht über alle Energieträger hinweg deutlich stärker an als die hinteren Lieferjahre. Strom CAL 2029 hat gegenüber der Vorwoche kaum reagiert, Gas CAL 2028 nur moderat, während die Frontkontrakte zweistellig zulegten. Der Markt geht also davon aus, dass der akute Krisenmodus mittelfristig abklingt, kurzfristig aber real bleibt.

(Stand: 13. April, Quelle: wattline Marktbericht; Notierungen EEX, PEGAS, ICE)

Was bedeutet das für KMU?

Kleine und mittlere Unternehmen trifft die aktuelle Lage besonders hart. Während Großkonzerne Kostenschocks über Rücklagen oder Absicherungsstrategien abfedern können, schlägt jeder Preisanstieg bei Energie direkt auf die Marge.

Die kurzzeitige Entlastung der Vorwoche ist damit weitgehend wieder eingepreist worden.

Die Notierungen liegen weiterhin deutlich über dem Vorkrisenniveau, die Schäden an der Ras-Laffan-Anlage in Katar wirken langfristig, und ein Andauern der US-Blockade hält die Risikoprämie hoch. Gerade jetzt ist eine professionelle und vorausschauende Energiebeschaffungsstrategie, z. B. innerhalb einer Energie-Einkaufsgemeinschaft, für KMU keine Option, sondern eine Notwendigkeit.

Warum die Preise zuvor so stark gestiegen waren

Haupttreiber des Preisanstiegs waren die Sperrung der Straße von Hormus am 28. Februar sowie die Raketenangriffe vom 18./19. März auf die Ras Laffan-Industrieanlage in Katar. Rund 17 % der katarischen LNG-Exportkapazität fallen damit voraussichtlich für drei bis fünf Jahre aus. Das erwartete Angebotswachstum am globalen LNG-Markt verschiebt sich deutlich nach hinten.

Der Angriff wirkte sich unmittelbar auf die TTF-Gas-Frontjahre aus: 2027 stieg allein dadurch um 18 %, die Frontjahre 2028 und 2029 um 16 bzw. 6 %. Der europäische Gaspreis hatte sich seit Beginn des Konflikts nahezu verdoppelt und erreichte im März mit über 59 EUR/MWh den höchsten Stand seit über drei Jahren.

Auch nach der jüngsten Korrektur durch die Waffenruhe und der erneuten Aufwärtsbewegung nach der Blockade-Ankündigung bleibt die Grundstruktur erhalten: Das Frontjahr trägt die höchste Risikoprämie, die hinteren Lieferjahre reagieren gedämpfter.

Zusätzliche Risikofaktoren bleiben bestehen

Auch jenseits des Iran-Konflikts belasten weitere Faktoren die Energiemärkte:

  • Norwegische Wartungsarbeiten: In den kommenden Wochen reduzieren Wartungen an den Anlagen Troll und Kårstø die norwegische Erdgaslieferung nach Europa zeitweise. Das verstärkt die Preisreaktion auf jede Eskalation.

  • Französische Kernkraft: Die Wiederinbetriebnahme von Cattenom 4 ist auf Mitte Juni verschoben. Damit fehlt im Stromsystem über mehrere Wochen Grundlastleistung, mit direkter Wirkung auf den deutschen Stromterminmarkt.

  • El Niño: Im Pazifik mehren sich die Anzeichen für das Klimaphänomen El Niño ab Frühling und Sommer 2026. Steigende Temperaturen in Asien bedeuten höhere Energienachfrage, vor allem für Kühlung, und damit zusätzlichen Wettbewerb um LNG-Mengen.

  • LNG-Angebotsausfälle: Eine durch einen Tropenzyklon beschädigte LNG-Anlage in Australien benötigt mehrere Wochen, um wieder vollständig hochzufahren.

Positiv: Am Golden-Pass-Terminal in Texas wurde erstmals LNG produziert. Die Anlage soll künftig bis zu 18 Millionen Tonnen LNG pro Jahr liefern. Zudem plant Deutschland laut Energieministerin Reiche über das staatliche Unternehmen Sefe langfristige LNG-Lieferverträge mit einem Volumen von 20 bis 40 Milliarden Kubikmetern für den Zeitraum 2027 bis 2036. Parallel wird der Aufbau einer strategischen Gasreserve von 24 TWh vorbereitet, mit Investitionen zwischen 500 Mio. und 1,5 Mrd. Euro.

Welche Rolle spielt die Straße von Hormus im weltweiten Erdgas- und Erdölhandel?

Kurz gesagt: Die Straße von Hormus ist eine der weltweit wichtigsten Meerengen. Sie fungiert als Nadelöhr für den Transport von Rohöl und Flüssigerdgas (LNG) aus dem Persischen Golf, da sie den einzigen direkten Seeweg aus dieser Region in den offenen Ozean darstellt.

Hier die zentralen Fakten:

  • Etwa 20 % des weltweiten Erdölhandels
    Täglich werden etwa 17 bis über 20 Millionen Barrel Rohöl, Kondensate und Ölprodukte durch die Meerenge transportiert. Das entspricht ungefähr einem Fünftel bis einem Viertel des weltweiten Seehandels mit Erdöl.

  • Knapp 25 % des weltweiten Erdgashandels
    Etwa ein Viertel des global gehandelten Flüssigerdgases passiert diese Route, vor allem Lieferungen aus Katar, einem der weltweit wichtigsten LNG-Exporteure.

  • Abhängigkeit vieler asiatischer Länder

    Mehr als 80 % der Ölexporte aus dem Persischen Golf gehen nach Asien vor allem nach China, Indien, Japan und Südkorea. Diese Länder sind auf stabile Transportwege durch die Meerenge angewiesen.

  • Abhängigkeit der Exporteure
    Ländern wie dem Irak, Kuwait, Katar und dem Iran stehen praktisch keine nennenswerten alternativen Exportrouten zur Verfügung. Nicht einmal Saudi-Arabien und die VAE können mehr als einen Teil ihrer Produktion über Pipelines am Landweg an der Meerenge vorbeileiten.

Welche Folgen hat die Sperrung der Meerenge für Deutschland?

Obwohl Deutschland nicht direkt von Lieferungen aus der Golfregion abhängig ist, hat die eingeschränkte Passage durch die Straße von Hormus spürbare wirtschaftliche Folgen für die Bundesrepublik.

Die physische Versorgung beim Erdgas wird primär über Pipelines aus Norwegen (44 %) und den Niederlanden (24 %) sowie über LNG-Importe aus den USA (59 % der LNG-Mengen) gedeckt. Auch beim Erdöl ist die Bezugsstruktur breit gestreut. Indirekt wirkt sich die Lage trotzdem aus:

Da Öl und Gas auf einem global integrierten Markt gehandelt werden, konkurrieren deutsche Abnehmer mit asiatischen Käufern, vor allem aus China und Indien, um die verbleibenden Mengen. Das treibt die Preise an TTF und THE.

Der nächste Winter könnte zum Problem werden:

Laut Bundesnetzagentur liegen die deutschen Gasspeicher aktuell bei einem Füllstand von 22,55 % (Stand: 05.04.2026), etwa 10% niedriger als im Vorjahr. Laut INES-Berechnungen wäre ein Füllstand von bis zu 81 % bis zum nächsten Winter technisch möglich, allerdings fehlen derzeit die wirtschaftlichen Anreize für eine ausreichende Befüllung.

Eine nachhaltige Entspannung an der Straße von Hormus könnte hier kurzfristig Druck nehmen, sofern die Gaspreise länger auf einem niedrigeren Niveau verbleiben. Aktuell ist davon nicht auszugehen.

Die wirtschaftlichen Folgen zeigen sich bereits:

Der ZEW-Konjunkturindex ist im März von 58,3 auf -0,5 Punkte eingebrochen. Das ist der größte Rückgang seit Februar 2022. Steigende Energiekosten belasten insbesondere energieintensive Industrien wie die Chemie- oder Stahlbranche. Gestörte Lieferketten und steigende Frachtkosten setzen zudem den Außenhandel mit Asien unter Druck.

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Gibt es Länder, die von der Sperrung der Straße von Hormus profitieren?

Direkte Gewinner der aktuellen Krise sind Akteure, die Energie außerhalb der Golfregion fördern oder alternative Transportwege besitzen.

Dazu zählen beispielsweise andere Ölproduzenten außerhalb des Golfs, wie die USA, Brasilien oder Norwegen. Sie profitieren von den massiv steigenden Weltmarktpreisen für Rohöl, ohne dass ihre eigenen Lieferrouten betroffen sind.

Auch Besitzer von Umgehungspipelines, wie Saudi-Arabien, mit der East-West Pipeline zum Roten Meer und die VAE, mit der Habshan-Fujairah-Pipeline zum Golf von Oman, können teilweise profitieren. Denn sie können zumindest einen Teil ihres Öls an der Straße von Hormus vorbeileiten und so trotz Krise liefern.

Russland profitiert ebenfalls von der aktuellen Lage: Die gestiegenen Weltmarktpreise erhöhen die Einnahmen aus Öl- und Gasexporten erheblich. Laut Euronews hat Moskau in den ersten zwei Wochen des Konflikts 7,7 Milliarden Euro aus fossilen Brennstoffen eingenommen. Das sind rund 14 % mehr pro Tag als noch im Februar. Zudem wird in Washington aktuell offen über eine Lockerung der bestehenden Russland-Sanktionen diskutiert, um das globale Ölangebot zu erhöhen und die Preise zu stabilisieren.

Auch bemerkenswert: Schiffe aus China und Indien konnten die Meerenge zuletzt teilweise passieren, während europäische Lieferungen blockiert bleiben. Das verschafft diesen Ländern einen Wettbewerbsvorteil beim Zugang zu günstigerem Öl und Gas aus der Golfregion.

wattline hat frühzeitig neue Lieferverträge abgeschlossen

Die vergangenen Monate waren von zunehmender geopolitischer Unsicherheit und steigenden Risikoprämien an den Energiemärkten geprägt. Bereits im Dezember 2025 deutete sich an, dass mehrere internationale Spannungsfelder das Preisniveau im Gasmarkt weiter beeinflussen könnten.

Vor diesem Hintergrund hat wattline im Rahmen der Einkaufsgemeinschaft fix zwischen Dezember 2025 und Februar 2026 für Tausende Mitglieder langfristige Erdgasverträge abgeschlossen. Die Grundlage bildete keine kurzfristige Spekulation, sondern eine strukturierte Marktanalyse sowie eine klare Abwägung der potenziellen Preisentwicklung:

Das Risiko nach oben war deutlich größer als die marginale Chance nach unten.

Während andere Marktteilnehmer die unsicheren Phasen abwarteten, organisierten wir bereits den Abschluss neuer Lieferverträge. Unser Ziel war es: Risiken frühzeitig zu begrenzen, Unternehmen vor starken Preissprüngen zu schützen und wettbewerbsfähige Preise mit maximaler Planungssicherheit zu sichern.

Die Marktbewegungen der letzten Wochen bestätigen diese Strategie. Trotz des temporären Preisrückgangs durch die Waffenruhe und der erneuten Aufwärtsbewegung nach der Blockade-Ankündigung liegen die heute am Markt gehandelten Konditionen weiterhin oberhalb der für die Mitglieder gesicherten Preise.

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Bildquellen: Foto von Daniel Schuh auf Unsplash